Tinnitus – Wenn das Ohr nicht mehr still wird

Robert Eberhard
Betreiber von halsnasenohrenarzt.com
Inhaltsverzeichnis
Es beginnt oft unscheinbar. Ein leises Pfeifen, ein feines Rauschen oder ein hochfrequentes Zirpen, das zunächst kaum auffällt. Doch in stillen Momenten – abends im Bett, in einer Pause ohne Hintergrundgeräusche – tritt es plötzlich in den Vordergrund. Das Geräusch ist nicht im Raum. Es kommt von innen.
Tinnitus gehört zu den häufigsten Beschwerden im HNO-Bereich. Schätzungen zufolge erlebt ein erheblicher Teil der Bevölkerung mindestens einmal im Leben Ohrgeräusche ohne äußere Schallquelle. Für manche bleibt es eine vorübergehende Episode, für andere entwickelt sich daraus eine langanhaltende Belastung.
Doch was genau geschieht im Körper – und wann ist eine fachärztliche Abklärung sinnvoll?
Was bedeutet Tinnitus medizinisch?
Der Begriff „Tinnitus aurium“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich „Klingeln der Ohren“. Gemeint ist die Wahrnehmung eines Tons oder Geräusches, ohne dass eine äußere akustische Quelle vorhanden ist.
Entscheidend ist: Tinnitus ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom. Er weist darauf hin, dass im komplexen Zusammenspiel zwischen Innenohr, Hörnerv und Gehirn eine Störung aufgetreten ist.
Das Hörsystem ist hochsensibel. Selbst minimale Veränderungen in der Signalverarbeitung können dazu führen, dass das Gehirn Signale interpretiert, die objektiv nicht existieren.
Wie entsteht ein Tinnitus?
In vielen Fällen liegt die Ursache im Innenohr. Die dort befindlichen Haarzellen wandeln Schall in elektrische Signale um. Werden diese Zellen geschädigt – etwa durch Lärm, Entzündungen oder Durchblutungsstörungen – kann die Weiterleitung der Informationen verändert sein. Das Gehirn versucht, fehlende Signale zu kompensieren, was zu einer Art „Phantomwahrnehmung“ führen kann.
Besonders häufig tritt Tinnitus auf im Zusammenhang mit:
einem Hörsturz
akuter oder chronischer Lärmbelastung
altersbedingtem Hörverlust
starkem Stress
Verspannungen im Bereich der Halswirbelsäule oder des Kiefergelenks
Auch Infekte der oberen Atemwege oder Mittelohrprobleme können vorübergehend Ohrgeräusche begünstigen. In selteneren Fällen stehen Gefäßveränderungen oder neurologische Ursachen im Hintergrund.
Akuter und chronischer Tinnitus – ein wichtiger Unterschied
Aus medizinischer Sicht wird zwischen akutem und chronischem Tinnitus unterschieden.
Ein akuter Tinnitus besteht weniger als drei Monate. In dieser Phase bestehen häufig gute Chancen, dass sich die Beschwerden zurückbilden – insbesondere dann, wenn frühzeitig eine HNO-ärztliche Untersuchung erfolgt.
Dauert das Ohrgeräusch länger als drei Monate an, spricht man von einem chronischen Tinnitus. Hier verschiebt sich der Fokus der Behandlung: Nicht mehr die vollständige Beseitigung des Tons steht im Vordergrund, sondern der Umgang mit der Wahrnehmung und die Reduktion der Belastung.
Warum wird Tinnitus nachts oft stärker wahrgenommen?
Viele Betroffene berichten, dass das Geräusch vor allem in ruhiger Umgebung deutlicher wird. Das liegt daran, dass externe Umgebungsgeräusche im Alltag das interne Signal überdecken. In der Stille fehlt diese Maskierung.
Hinzu kommt ein psychologischer Faktor: Je stärker die Aufmerksamkeit auf das Ohrgeräusch gerichtet ist, desto intensiver wird es wahrgenommen. Dieser Mechanismus spielt eine zentrale Rolle bei der Chronifizierung.
Wann sollte man mit Tinnitus zum HNO-Arzt?
Nicht jedes kurzfristige Ohrgeräusch ist ein Notfall. Dennoch gibt es klare Situationen, in denen eine fachärztliche Abklärung sinnvoll oder dringend erforderlich ist.
Dazu gehören insbesondere:
plötzlich auftretender Tinnitus
einseitige Beschwerden
gleichzeitiger Hörverlust
begleitender Schwindel
Druckgefühl im Ohr
pulsierende Geräusche
Eine frühzeitige Diagnostik kann helfen, behandelbare Ursachen zu identifizieren oder schwerwiegendere Erkrankungen auszuschließen.
Wie sieht die HNO-Diagnostik aus?
In der HNO-Praxis erfolgt zunächst eine ausführliche Anamnese. Seit wann besteht das Geräusch? Gab es einen Auslöser? Bestehen Begleitsymptome?
Anschließend folgen in der Regel:
eine mikroskopische Untersuchung des Gehörgangs und Trommelfells
ein Hörtest (Audiometrie)
gegebenenfalls eine Messung der Mittelohrfunktion
bei speziellen Fragestellungen weiterführende Diagnostik
Ziel ist es, strukturelle Ursachen zu erkennen oder funktionelle Störungen einzugrenzen.
Ist Tinnitus gefährlich?
In den meisten Fällen ist Tinnitus nicht lebensbedrohlich. Dennoch kann er die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme und innere Anspannung sind keine Seltenheit.
Gefährlich wird es dann, wenn zusätzliche neurologische Symptome auftreten oder wenn ein plötzlich einsetzender Hörverlust unbehandelt bleibt. Hier ist eine zeitnahe Abklärung wichtig.
Behandlungsmöglichkeiten – was ist realistisch?
Die Therapie hängt von der zugrunde liegenden Ursache ab. Bei einem akuten Hörsturz kann beispielsweise eine medikamentöse Behandlung sinnvoll sein.
Bei chronischem Tinnitus stehen andere Maßnahmen im Vordergrund:
ausführliche ärztliche Beratung
Hörgeräte bei nachgewiesenem Hörverlust
Geräuschtherapie
Tinnitus-Retraining
Stressreduktion und Entspannungsverfahren
Wichtig ist eine realistische Erwartungshaltung. Eine universelle „Wundertherapie“ existiert nicht. Ziel ist es vielmehr, die Belastung deutlich zu reduzieren und eine Gewöhnung zu ermöglichen.
Die Rolle von Stress und Psyche
Tinnitus ist kein rein körperliches Phänomen. Das Gehirn spielt eine entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung und Bewertung des Geräusches.
Je stärker Angst, Anspannung oder Grübeln ausgeprägt sind, desto präsenter erscheint das Ohrgeräusch. Umgekehrt berichten viele Betroffene, dass der Tinnitus in entspannten Phasen in den Hintergrund tritt.
Diese Wechselwirkung erklärt, warum ganzheitliche Behandlungsansätze häufig besonders wirksam sind.
Kann Tinnitus wieder verschwinden?
Gerade bei akutem Auftreten bestehen gute Chancen auf eine vollständige Rückbildung. Auch bei chronischem Tinnitus erleben viele Betroffene eine deutliche Verbesserung im Verlauf.
Entscheidend ist, das Geräusch nicht als Bedrohung zu interpretieren. Mit der richtigen medizinischen Begleitung kann das Gehirn lernen, das Signal als irrelevant einzustufen – ein Prozess, der als Habituation bezeichnet wird.
Fazit
Tinnitus ist ein häufiges Symptom mit vielfältigen Ursachen. In den meisten Fällen ist er nicht gefährlich, sollte jedoch insbesondere bei plötzlichem Auftreten oder zusätzlichen Beschwerden fachärztlich abgeklärt werden.
Eine frühzeitige HNO-Diagnostik schafft Sicherheit, ermöglicht eine gezielte Behandlung und kann helfen, die Chronifizierung zu vermeiden.