Tinnitus – Ursachen, Symptome, Verlauf und Behandlung

Tinnitus – Themenübersicht

Ein plötzliches Pfeifen, ein ständiges Rauschen oder ein tiefes Brummen im Ohr – für Millionen von Menschen in Deutschland ist dies eine alltägliche und oft belastende Erfahrung. Diese Wahrnehmung von Geräuschen ohne eine externe Schallquelle wird als Tinnitus bezeichnet. Während ein kurzzeitiges Ohrgeräusch, etwa nach einem lauten Konzert, meist harmlos ist und von selbst wieder verschwindet, kann ein andauernder Tinnitus die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

Er kann zu Konzentrationsproblemen, Schlafstörungen und einer starken psychischen Belastung führen. Viele Betroffene stellen sich daher besorgt die Fragen: Woher kommt dieses Geräusch? Was bedeutet es für meine Gesundheit? Und vor allem: Was kann ich dagegen tun? Die Suche nach Antworten auf die komplexen Zusammenhänge ist der erste und wichtigste Schritt auf dem Weg zur Linderung.

Dieser umfassende Leitfaden hilft Ihnen, das Phänomen Tinnitus besser zu verstehen. Wir beleuchten die vielfältigen Tinnitus Ursachen und Symptome, erklären die diagnostischen Schritte beim HNO-Arzt und stellen die modernen Behandlungsmöglichkeiten vor. Die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde ist dabei die zentrale medizinische Fachdisziplin, die eine fundierte Diagnostik und eine individuelle Therapieplanung ermöglicht. Ziel ist es, Ihnen fundiertes Wissen an die Hand zu geben, um die richtigen Entscheidungen für Ihre Gesundheit zu treffen und einen Weg zu finden, die Kontrolle über Ihr Hörerleben zurückzugewinnen.

Denn auch wenn eine vollständige Heilung nicht immer möglich ist, gibt es heute vielfältige und wirksame Strategien, um die Belastung durch das Ohrgeräusch deutlich zu reduzieren. Es geht darum, dem Tinnitus seinen Schrecken zu nehmen und einen Weg zu finden, mit ihm zu leben, ohne dass er das Leben dominiert.

Was ist ein Tinnitus?

Ein Tinnitus ist per Definition eine auditive Wahrnehmung, die nicht durch eine äußere Schallquelle verursacht wird. Es handelt sich also um ein “Phantomgeräusch”, das nur von der betroffenen Person selbst gehört wird. Dieses Phänomen ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom, das auf eine Vielzahl von zugrundeliegenden Störungen im Hörsystem hinweisen kann. Die moderne Forschung hat in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte im Verständnis der Entstehungsmechanismen gemacht.

Subjektiver und objektiver Tinnitus

Mediziner unterscheiden grundsätzlich zwischen zwei Hauptformen. Der weitaus häufigere subjektive Tinnitus kann nur vom Patienten selbst wahrgenommen werden. Seine Ursache liegt meist in einer fehlerhaften Verarbeitung von akustischen Signalen im Gehirn. Man geht heute davon aus, dass eine Schädigung oder Reizung der empfindlichen Haarsinneszellen im Innenohr dazu führt, dass diese keine oder fehlerhafte Signale an das Hörzentrum im Gehirn senden.

Als Reaktion darauf erhöht das Gehirn seine eigene Aktivität in den betroffenen Frequenzbereichen, um den fehlenden Input auszugleichen. Diese neuronale Überaktivität wird dann als Geräusch – der Tinnitus – wahrgenommen. Man kann es sich ähnlich wie bei einem Phantomschmerz nach einer Amputation vorstellen, bei dem das Gehirn weiterhin Signale aus einem nicht mehr vorhandenen Körperteil empfängt.

Im Gegensatz dazu steht der sehr seltene objektive Tinnitus. Hierbei existiert eine tatsächliche, körpereigene Schallquelle in der Nähe des Innenohrs. Diese kann in manchen Fällen sogar vom Arzt mit einem Stethoskop gehört werden. Ursachen hierfür sind beispielsweise Strömungsgeräusche in Blutgefäßen, Muskelzuckungen im Mittelohr oder Veränderungen an den Gefäßen im Kopf-Hals-Bereich.

Abgrenzung zu harmlosen Ohrgeräuschen

Es ist wichtig, einen Tinnitus von normalen, alltäglichen Ohrgeräuschen abzugrenzen. Ein kurzes, vorübergehendes Klingeln im Ohr, das jeder Mensch gelegentlich erlebt, ist in der Regel harmlos und kein Grund zur Sorge. Dieses Phänomen wird oft als “physiologischer Tinnitus” bezeichnet und verschwindet meist innerhalb weniger Sekunden oder Minuten von selbst.

Von einem behandlungsbedürftigen Tinnitus spricht man erst, wenn die Geräusche über einen längeren Zeitraum anhalten und vom Betroffenen als störend und belastend empfunden werden. Die Grenze liegt hier in der Regel bei 24 Stunden ununterbrochener Wahrnehmung.

Tinnitus Ursachen: Was steckt dahinter?

Die Suche nach den Auslösern eines Tinnitus ist oft komplex, da eine Vielzahl von Faktoren als Ursache infrage kommt. Selten lässt sich eine einzige, klare Ursache identifizieren. Häufig handelt es sich um ein Zusammenspiel mehrerer Einflüsse. Die genaue Kenntnis der möglichen Auslöser ist jedoch entscheidend für die Wahl der richtigen Behandlungsstrategie und für die Prognose des weiteren Verlaufs.

Lärmschädigung und Knalltrauma

Eine der häufigsten Ursachen für einen Tinnitus ist eine Schädigung des Innenohrs durch Lärm. Ein plötzliches, extrem lautes Ereignis wie ein Schuss, ein Knall oder eine Explosion kann ein sogenanntes Knalltrauma auslösen und die empfindlichen Haarsinneszellen im Innenohr dauerhaft schädigen. Diese Zellen sind für die Umwandlung von Schallwellen in elektrische Signale verantwortlich, die dann ans Gehirn weitergeleitet werden.
Aber auch eine langanhaltende Lärmbelastung, beispielsweise durch laute Musik über Kopfhörer, Konzertbesuche ohne Gehörschutz oder Maschinenlärm am Arbeitsplatz, führt zu einer schleichenden Abnutzung des Gehörs und kann einen Tinnitus zur Folge haben. Besonders gefährdet sind Menschen in lärmintensiven Berufen wie Bauarbeiter, Musiker oder Mitarbeiter in der Industrie.

Hörsturz

Eng mit dem Tinnitus verwandt ist der Hörsturz, bei dem es zu einer plötzlichen, meist einseitigen Hörminderung kommt. Dieses Ereignis wird oft von einem neu auftretenden Ohrgeräusch begleitet. Die genauen Ursachen eines Hörsturzes sind noch nicht vollständig geklärt, man vermutet jedoch Durchblutungsstörungen im Innenohr, entzündliche Prozesse oder virale Infektionen. Ein Hörsturz ist immer ein medizinischer Notfall und sollte umgehend behandelt werden.

Altersschwerhörigkeit (Presbyakusis)

Die natürliche Altersschwerhörigkeit ist ein wesentlicher Risikofaktor für die Entwicklung eines Tinnitus. Mit zunehmendem Alter nimmt die Leistungsfähigkeit der Haarsinneszellen ab, was zu einem Hörverlust vor allem in den hohen Frequenzen führt. Das Gehirn versucht diesen Verlust zu kompensieren und generiert dabei das Tinnitus-Geräusch. Dieser Prozess beginnt oft bereits ab dem 50. Lebensjahr und betrifft einen großen Teil der älteren Bevölkerung.

Stress als Verstärker

Stress gilt ebenfalls als ein bedeutender Faktor in der Entstehung und Aufrechterhaltung eines Tinnitus. Zwar ist Stress selten die alleinige Ursache, aber er wirkt als ein starker Verstärker. In psychisch belastenden Phasen wird der Tinnitus oft lauter und störender wahrgenommen, da das Gehirn empfindlicher auf interne Signale reagiert und die Filterfunktion des auditorischen Systems herabgesetzt ist.
Der Zusammenhang zwischen Stress und Tinnitus ist bidirektional: Stress kann einen Tinnitus auslösen oder verstärken, und umgekehrt führt der Tinnitus selbst zu erheblichem Stress. Dieser Teufelskreis ist einer der Hauptgründe, warum psychologische Ansätze in der Tinnitus-Therapie so wichtig sind.

Kiefergelenk und Halswirbelsäule

Auch Probleme außerhalb des Ohres können einen Tinnitus auslösen. Funktionsstörungen des Kiefergelenks (Craniomandibuläre Dysfunktion, CMD) oder Verspannungen der Halswirbelsäulen-Muskulatur (HWS-Syndrom) können über Nerven- und Muskelverbindungen das Hörsystem beeinflussen und Ohrgeräusche verursachen. Man spricht hier von einem somatosensorischen Tinnitus.
Bei dieser Form des Tinnitus können oft durch Bewegungen des Kiefers oder des Kopfes Veränderungen in der Lautstärke oder Tonhöhe des Geräusches herbeigeführt werden. Eine Behandlung der zugrundeliegenden Funktionsstörung kann in diesen Fällen zu einer deutlichen Besserung des Tinnitus führen.

Gefäßerkrankungen und Stoffwechsel

Weitere mögliche Auslöser sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Arteriosklerose, die zu Durchblutungsstörungen im Innenohr führen können. Auch Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus oder Schilddrüsenfunktionsstörungen werden mit der Entstehung von Tinnitus in Verbindung gebracht.

Weitere Ursachen

Entzündungen im Ohr, beispielsweise eine chronische Mittelohrentzündung, oder ein einfacher Ohrenschmalzpfropf, der den Gehörgang blockiert, können ebenfalls einen Tinnitus hervorrufen. In selteneren Fällen können auch bestimmte Medikamente (z.B. hochdosierte Schmerzmittel, bestimmte Antibiotika oder Chemotherapeutika) oder gutartige Tumore am Hörnerv (Akustikusneurinom) die Ursache sein.

Tinnitus Symptome im Detail

Die Symptome eines Tinnitus sind so individuell wie die Menschen, die davon betroffen sind. Das wahrgenommene Geräusch kann in seiner Art, Lautstärke und Tonhöhe stark variieren. Ein genaues Verständnis der Tinnitus Ursachen und Symptome ist für die Diagnostik und die Wahl der richtigen Therapie essenziell.

Pfeifen, Rauschen, Brummen

Die häufigsten Beschreibungen der Ohrgeräusche umfassen eine breite Palette von Klängen. Dazu gehören:

  • Ein hohes Pfeifen oder Fiepen (ähnlich einem Tinnitus nach Lärmexposition)
  • Ein tiefes Brummen (oft vergleichbar mit einem entfernten Motor)
  • Ein gleichmäßiges Rauschen (ähnlich einem Wasserfall oder dem Meeresrauschen)
  • Ein Zischen, Klicken oder Klopfen
Manche Patienten vergleichen das Geräusch auch mit dem Zirpen von Grillen, dem Summen einer Stromleitung oder dem Pfeifen eines Teekessels. Diese Vielfalt spiegelt die Komplexität seiner Entstehung im neuronalen System wider. Die Lautstärke des Tinnitus korreliert dabei nicht zwangsläufig mit dem Leidensdruck. Ein objektiv leises Geräusch kann als extrem störend empfunden werden, während andere Menschen mit einem lauten Tinnitus gut zurechtkommen.

Einseitiger Tinnitus

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist, ob der Tinnitus einseitig oder beidseitig auftritt. Ein plötzlich auftretender, streng einseitiger Tinnitus sollte immer als Warnsignal verstanden und umgehend von einem HNO-Arzt abgeklärt werden, da er auf eine spezifische Erkrankung des Ohres wie einen Hörsturz oder in seltenen Fällen auf ein Akustikusneurinom hinweisen kann.

Ein beidseitiger Tinnitus ist häufiger und deutet oft auf eine symmetrische Schädigung des Hörsystems hin, beispielsweise durch Altersschwerhörigkeit oder chronische Lärmbelastung.

Pulsierender Tinnitus

Eine besondere Form ist der pulsierende oder pulssynchrone Tinnitus, bei dem das Geräusch im Takt des eigenen Herzschlags auftritt. Dieses Symptom deutet oft auf eine gefäßbedingte Ursache hin, beispielsweise eine Engstelle in einer Halsschlagader, eine arteriovenöse Fehlbildung oder einen erhöhten Hirndruck. Diese Form des Tinnitus erfordert eine gezielte internistische und radiologische Diagnostik, um ernsthafte Erkrankungen auszuschließen.

Begleitsymptome wie Hyperakusis

Neben dem eigentlichen Ohrgeräusch leiden viele Betroffene unter Begleitsymptomen, die die Belastung erheblich steigern können. Dazu gehören eine erhöhte Geräuschempfindlichkeit (Hyperakusis), bei der normale Alltagsgeräusche als unangenehm laut empfunden werden, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen und eine allgemeine Reizbarkeit.

Die ständige Präsenz des Geräusches führt oft zu einer enormen psychischen Belastung. Viele Patienten entwickeln eine Angst vor der Stille, da der Tinnitus dann besonders deutlich in den Vordergrund tritt. Diese Angst kann zu einem Teufelskreis führen: Die Fokussierung auf das Geräusch verstärkt dessen Wahrnehmung, was wiederum die Angst und den Stress erhöht. Die psychische Belastung ist somit ein zentraler Aspekt und muss in der Therapie unbedingt berücksichtigt werden.

Akuter und chronischer Tinnitus

In der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde wird ein Tinnitus nach seiner Dauer klassifiziert. Diese zeitliche Einteilung ist von entscheidender Bedeutung, da sie die Prognose und den Therapieansatz maßgeblich beeinflusst. Die zentrale Zeitgrenze liegt bei drei Monaten.

Akuter Tinnitus

Man spricht von einem akuten Tinnitus, wenn die Ohrgeräusche neu aufgetreten sind und noch nicht länger als drei Monate andauern. In dieser Phase ist die Prognose am günstigsten, da eine hohe Rate an Spontanheilungen besteht. Der Körper und das Gehirn haben in diesem Stadium noch die Fähigkeit, die fehlerhafte neuronale Aktivität zu korrigieren und das Geräusch “verlernen”.

Der therapeutische Ansatz beim akuten Tinnitus zielt darauf ab, diesen Prozess zu unterstützen und eine Chronifizierung zu verhindern. Dies geschieht oft durch die Gabe von durchblutungsfördernden Medikamenten oder Kortison, auch wenn deren Wirksamkeit in wissenschaftlichen Studien nicht eindeutig belegt ist. Wichtiger ist es jedoch, mögliche behandelbare Ursachen wie einen Hörsturz oder eine Lärmschädigung zu identifizieren und zu behandeln.

Chronischer Tinnitus

Hält das Ohrgeräusch länger als drei Monate an, spricht man von einem subakuten Tinnitus (drei bis zwölf Monate) und schließlich von einem chronischen Tinnitus (länger als zwölf Monate). In der chronischen Phase hat sich das Geräusch im Hörsystem und im Bewusstsein des Patienten manifestiert. Das Gehirn hat das Tinnitus-Muster als permanenten Zustand abgespeichert, und eine vollständige Beseitigung des Geräusches ist nur noch selten möglich.

Die Prognose für eine komplette Heilung ist in diesem Stadium deutlich schlechter. Der Fokus der Therapie verschiebt sich daher grundlegend: Es geht nicht mehr primär darum, das Geräusch zu eliminieren, sondern darum, den Umgang damit zu erlernen und die Belastung zu reduzieren.

Kompensiert vs. dekompensiert

Ein chronischer Tinnitus wird weiter unterteilt. Von einem kompensierten Tinnitus spricht man, wenn das Geräusch zwar noch vorhanden ist, aber nicht mehr als störend empfunden wird. Der Betroffene hat gelernt, das Geräusch zu ignorieren und sein Leben normal weiterzuführen.
Ein dekompensierter Tinnitus hingegen ist mit erheblichem Leidensdruck und oft mit Begleiterkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Schlafstörungen verbunden. Die Lebensqualität ist in diesem Fall stark eingeschränkt, und eine intensive therapeutische Begleitung ist notwendig. Die Behandlung des chronischen Tinnitus ist daher ein multimodaler Prozess, der auf die psychische Bewältigung und die Umleitung der Aufmerksamkeit abzielt.

Wie lange dauert Tinnitus? Verlauf und Prognose

Die Frage “Wie lange dauert der Tinnitus?” ist eine der ersten und drängendsten Fragen, die sich Betroffene stellen. Eine pauschale Antwort darauf gibt es leider nicht, da der Verlauf so individuell ist wie die Ursachen des Tinnitus selbst. Die Prognose hängt von vielen Faktoren ab, insbesondere davon, ob es sich um einen akuten oder bereits chronischen Tinnitus handelt.

In der Akutphase (bis drei Monate) stehen die Chancen auf eine spontane Rückbildung sehr gut. Viele Ohrgeräusche, die beispielsweise nach einem lauten Konzert oder in einer stressigen Phase auftreten, klingen innerhalb von Stunden, Tagen oder wenigen Wochen von selbst wieder ab. Das auditorische System ist in der Lage, sich selbst zu regenerieren und die fehlerhafte neuronale Aktivität zu normalisieren.

Wenn eine klare Ursache wie ein Ohrenschmalzpfropf oder eine Mittelohrentzündung vorliegt, verschwindet der Tinnitus in der Regel nach erfolgreicher Behandlung der Grunderkrankung. Überschreitet der Tinnitus jedoch die kritische Schwelle von drei Monaten, beginnt der Prozess der Chronifizierung. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Geräusch für immer in der gleichen Intensität bestehen bleibt.

Auch ein chronischer Tinnitus kann in seiner Lautstärke und Präsenz stark schwanken. Es gibt Phasen, in denen er kaum wahrnehmbar ist, und Phasen, in denen er wieder stärker in den Vordergrund tritt. Verschiedene Einflussfaktoren können den Verlauf beeinflussen. Dazu gehören Stress, Lärmbelastung, Schlafmangel und der allgemeine Gesundheitszustand. Eine positive Veränderung des Lebensstils kann also auch bei einem chronischen Tinnitus zu einer deutlichen Linderung führen.


Das Ziel der modernen Tinnitus-Therapie ist es, den Prozess der Habituation zu fördern. Habituation bedeutet, dass das Gehirn lernt, das Tinnitus-Geräusch als unwichtig einzustufen und aus der bewussten Wahrnehmung auszufiltern – ähnlich wie man das Ticken einer Uhr oder den Lärm einer befahrenen Straße nach einer Weile nicht mehr bewusst hört. Dieser Prozess kann durch gezielte Therapien wie die Tinnitus-Retraining-Therapie aktiv unterstützt werden. Die Dauer bis zum Erreichen einer erfolgreichen Habituation ist sehr unterschiedlich und kann mehrere Monate bis Jahre in Anspruch nehmen. Die Prognose ist jedoch insgesamt positiv: Die Mehrheit der Menschen mit chronischem Tinnitus lernt im Laufe der Zeit, gut mit dem Geräusch zu leben.

Wann sollte man mit Tinnitus zum HNO?

Viele Menschen sind unsicher, wann ein Ohrgeräusch ärztlich abgeklärt werden sollte. Ein kurzes, flüchtiges Pfeifen, das nach wenigen Sekunden wieder verschwindet, ist in der Regel kein Grund zur Beunruhigung. Es gibt jedoch bestimmte Warnsignale, bei deren Auftreten eine umgehende Untersuchung durch einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt dringend anzuraten ist.

Grundsätzlich gilt: Jeder neu aufgetretene Tinnitus, der länger als 24 Stunden ununterbrochen anhält, sollte ärztlich untersucht werden, um die Weichen für eine erfolgreiche Behandlung frühzeitig zu stellen und eine Chronifizierung möglichst zu verhindern. Die wichtigste Frage lautet daher: Wann ist eine HNO-Abklärung sinnvoll?

Warnzeichen für eine zeitnahe Abklärung

Ein Besuch beim HNO-Arzt ist insbesondere dann sinnvoll, wenn der Tinnitus plötzlich und ohne erkennbaren Anlass auftritt. Ein streng einseitiger Tinnitus ist ein besonders wichtiges Warnsignal. Er kann auf eine spezifische, behandelbare Erkrankung des betroffenen Ohres hindeuten und erfordert eine schnelle Diagnostik.

Auch wenn der Tinnitus zu einem erheblichen Leidensdruck führt, sollte nicht gezögert werden. Eine frühzeitige Diagnose ist der Schlüssel, um ernsthafte Erkrankungen auszuschließen, behandelbare Ursachen zu finden und die bestmögliche Therapie einzuleiten.

Notfall-Symptome

Bestimmte Symptome erfordern eine umgehende ärztliche Untersuchung. Suchen Sie sofort einen Arzt auf, wenn eines der folgenden Warnzeichen auftritt:

  • Plötzlich einsetzender, streng einseitiger Tinnitus
  • Zusätzlicher, plötzlicher Hörverlust (Hörsturz)
  • oder Gleichgewichtsstörungen
  • Ein pulsierendes Geräusch im Takt des Herzschlags
  • Ein Gefühl von Druck oder Watte im Ohr
Diese Kombination von Symptomen kann auf eine Störung des Innenohrs wie die Menière-Krankheit oder auf andere ernsthafte Erkrankungen hinweisen. Zögern Sie in diesen Fällen nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein HNO-Arzt kann durch eine gezielte Untersuchung feststellen, ob eine harmlose Störung oder eine behandlungsbedürftige Erkrankung vorliegt und Ihnen helfen, die richtigen Schritte zu unternehmen.

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Diagnostik beim HNO-Arzt

Wenn Sie mit einem Tinnitus einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufsuchen, wird dieser eine systematische und umfassende Diagnostik durchführen, um die möglichen Ursachen des Ohrgeräusches einzugrenzen. Ziel ist es, behandelbare Grunderkrankungen zu identifizieren und die Tinnitus Ursachen und Symptome genau zu charakterisieren.

Anamnese und körperliche Untersuchung

Am Anfang steht immer eine ausführliche Anamnese, ein detailliertes Gespräch über Ihre Beschwerden. Der Arzt wird Ihnen gezielte Fragen stellen: Seit wann besteht das Geräusch? Wie klingt es? Ist es einseitig oder beidseitig? Gibt es auslösende Faktoren? Liegen Begleitsymptome wie Hörverlust oder vor? Nehmen Sie Medikamente ein? Sind Sie Lärm oder Stress ausgesetzt?

Diese Informationen geben erste wichtige Hinweise auf die möglichen Ursachen. Im Anschluss erfolgt eine gründliche HNO-ärztliche Untersuchung. Mit einem Ohrmikroskop werden der äußere Gehörgang und das Trommelfell inspiziert, um beispielsweise einen Ohrenschmalzpfropf, eine Entzündung oder eine Verletzung des Trommelfells auszuschließen. Auch der Nasen-Rachen-Raum wird untersucht.

Hörtests und Tinnitus-Analyse

Der zentrale Baustein der Diagnostik sind verschiedene Hörtests, um das Ausmaß einer eventuellen Schwerhörigkeit festzustellen, die oft mit einem Tinnitus einhergeht. Die wichtigsten Untersuchungen sind:

  • Tonaudiometrie: Bestimmung der Hörschwelle für verschiedene Frequenzen. Dies zeigt, ob und in welchem Ausmaß eine Schwerhörigkeit vorliegt.
  • Sprachaudiometrie: Überprüfung des Sprachverständnisses in verschiedenen Lautstärken.
  • Tinnitus-Analyse (Tinnitus-Matching): Bestimmung von Frequenz und Lautstärke des Tinnitus durch das Vorspielen von Vergleichstönen. Dies hilft, das Geräusch zu objektivieren.
  • Tympanometrie: Überprüfung der Schwingungsfähigkeit des Trommelfells und der Funktion des Mittelohrs.

Bildgebende Verfahren und weitere Diagnostik

Je nach Befund und Verdachtsdiagnose können weitere Untersuchungen notwendig werden. Bei Verdacht auf eine Störung des Hörnervs oder eine zentrale Ursache kann eine Hirnstammaudiometrie (BERA) oder eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Kopfes veranlasst werden, um beispielsweise ein Akustikusneurinom auszuschließen.

Bei einem pulsierenden Tinnitus ist oft eine Ultraschalluntersuchung der Halsgefäße (Doppler-Sonographie) oder eine andere bildgebende Darstellung der Blutgefäße sinnvoll, um Gefäßverengungen oder Fehlbildungen zu erkennen. All diese Untersuchungsergebnisse ergeben zusammen ein Gesamtbild, das die Grundlage für eine individuelle Therapieempfehlung bildet.

Behandlungsmöglichkeiten bei Tinnitus

Die Behandlung eines Tinnitus richtet sich nach seiner Ursache und seiner Dauer. Es gibt nicht die eine Therapie, die allen Patienten hilft. Vielmehr handelt es sich um einen multimodalen Ansatz, bei dem verschiedene Bausteine kombiniert werden. Ein wichtiges Prinzip dabei ist: Es dürfen keine unbegründeten Heilversprechen gemacht werden, und esoterische Ansätze haben in der seriösen Tinnitus-Therapie keinen Platz.

Therapie beim akuten Tinnitus

Beim akuten Tinnitus steht der Versuch im Vordergrund, die Chronifizierung zu verhindern. Liegt eine behandelbare Ursache vor, wie eine Mittelohrentzündung oder ein Ohrenschmalzpfropf, wird diese gezielt therapiert. Bei einem idiopathischen akuten Tinnitus oder einem Hörsturz wird häufig eine Infusionstherapie mit Kortison oder durchblutungsfördernden Mitteln durchgeführt, um die Regeneration des Innenohrs zu unterstützen.
Die Wirksamkeit dieser Akuttherapie ist wissenschaftlich jedoch umstritten, und viele Studien konnten keinen eindeutigen Vorteil gegenüber einer abwartenden Haltung nachweisen. Viel entscheidender ist die Aufklärung und Beruhigung des Patienten. Die Information, dass ein akuter Tinnitus oft von selbst wieder verschwindet, kann den Stress und die Angst reduzieren, was den Heilungsprozess positiv beeinflusst.

Therapie beim chronischen Tinnitus

Bei der Behandlung des chronischen Tinnitus ändert sich die Zielsetzung grundlegend. Da eine vollständige Beseitigung des Geräusches selten gelingt, geht es darum, den Leidensdruck zu senken und die Lebensqualität zu verbessern. Die Therapie stützt sich auf mehrere Säulen:

  • Beratung und Aufklärung (Counseling): Verstehen der neurophysiologischen Mechanismen des Tinnitus und Abbau von Ängsten.
  • Geräuschtherapie: Ablenkung des Gehirns durch externe Schallquellen (Noiser, Rauscher).
  • Hörgeräteversorgung: Bei begleitender Schwerhörigkeit.
  • Stressreduktion: Erlernen von Entspannungsverfahren wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training.
  • Psychotherapeutische Begleitung: Bei starkem Leidensdruck oder Begleiterkrankungen.

Hörgeräte als wichtiger Baustein

Wenn der Tinnitus mit einer Schwerhörigkeit einhergeht, ist die Versorgung mit Hörgeräten oft ein sehr wirksamer Schritt. Hörgeräte verbessern nicht nur das Sprachverstehen, sondern verstärken auch die Umgebungsgeräusche, wodurch der Tinnitus in den Hintergrund tritt und als weniger störend wahrgenommen wird. Moderne Hörgeräte verfügen oft über eine integrierte Tinnitus-Funktion, die zusätzlich ein angenehmes Rauschen erzeugt.

Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT)

Die erfolgreichste und wissenschaftlich am besten fundierte Methode ist die Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT). Sie kombiniert zwei Hauptkomponenten: das Counseling (Beratung und Aufklärung) und die Geräuschtherapie. Im Counseling lernt der Patient, die negativen gedanklichen und emotionalen Verknüpfungen mit dem Tinnitus abzubauen.

Die Geräuschtherapie nutzt externe Schallquellen, sogenannte Noiser oder Rauscher, um das Gehirn von dem Tinnitus-Geräusch abzulenken und den Prozess der Habituation zu fördern. Das Ziel ist es, dass das Gehirn das Tinnitus-Signal als unwichtig einstuft und aus der bewussten Wahrnehmung ausfiltert. Die TRT erstreckt sich in der Regel über einen Zeitraum von 12 bis 24 Monaten und erfordert eine konsequente Mitarbeit des Patienten.

Psychologische Therapie

Da Stress ein wesentlicher Verstärker des Tinnitus ist, spielen psychologische Verfahren eine wichtige Rolle. Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) hat sich als besonders wirksam erwiesen. Sie hilft dem Patienten, seine negativen Gedankenmuster zu erkennen und zu verändern, Bewältigungsstrategien zu entwickeln und die Aufmerksamkeit gezielt auf andere, positive Dinge zu lenken.

Auch Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung nach Jacobson, autogenes Training, Yoga oder Achtsamkeitsübungen (Mindfulness) können helfen, das allgemeine Anspannungsniveau zu senken und so auch die Tinnitus-Wahrnehmung zu lindern. In schweren Fällen, wenn der Tinnitus zu Depressionen oder Angststörungen führt, ist auch eine psychotherapeutische Begleitung oder gegebenenfalls eine medikamentöse Behandlung der Begleiterkrankung ein wichtiger Teil der Therapie.

Psychologische Aspekte und Habituation

Ein Tinnitus ist weit mehr als nur ein Geräusch im Ohr. Er ist ein psychoakustisches Phänomen, bei dem die psychologische Verarbeitung eine ebenso große Rolle spielt wie die physiologische Entstehung. Der Leidensdruck, den ein Patient empfindet, hängt weniger von der objektiven, messbaren Lautstärke des Geräusches ab, sondern vielmehr davon, wie das Gehirn dieses Geräusch bewertet und darauf reagiert.

Ein zentraler Mechanismus ist hierbei die Aufmerksamkeit. Solange das Gehirn den Tinnitus als unwichtiges Hintergrundgeräusch einstuft, wird er kaum bewusst wahrgenommen. Bewertet das Gehirn das Geräusch jedoch als bedrohlich oder wichtig, wird die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, und es tritt in den Vordergrund. Dieser Prozess ist entscheidend für die Chronifizierung.

Ein Teufelskreis aus Wahrnehmung, negativer Bewertung und Emotion kann entstehen: Das Geräusch wird gehört, als negativ und gefährlich bewertet, was Angst und Stress auslöst. Dieser Stress führt wiederum zu einer verstärkten neuronalen Aktivität und einer erhöhten Sensibilität des Hörsystems, wodurch der Tinnitus noch lauter und präsenter erscheint. Diese Angstspirale kann die Lebensqualität massiv einschränken.

Das Ziel der psychologisch orientierten Tinnitus-Therapie ist es, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Der Schlüssel dazu ist die Habituation – ein Lernprozess des Gehirns. Es geht darum, dem Tinnitus seine negative Bedeutung zu nehmen und ihn als neutrales, unwichtiges Signal neu zu bewerten. Wenn das Gehirn lernt, dass von dem Geräusch keine Gefahr ausgeht, wird es seine Aufmerksamkeit davon abwenden und das Signal aus der bewussten Wahrnehmung herausfiltern.

Die Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) und die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) sind hier die wirksamsten Ansätze. Sie helfen dem Patienten, seine negativen Gedankenmuster zu erkennen und zu verändern, Bewältigungsstrategien zu entwickeln und die Aufmerksamkeit gezielt auf andere, positive Dinge zu lenken. Es geht also nicht darum, das Geräusch wegzumachen, sondern darum, die Reaktion darauf zu verändern und die Kontrolle zurückzugewinnen.

Häufige Fragen zu Tinnitus

Ist Tinnitus heilbar?

Diese Frage muss differenziert beantwortet werden. Ein akuter Tinnitus, der erst seit kurzer Zeit besteht, hat eine hohe Chance auf eine vollständige Heilung, oft sogar ohne spezifische Behandlung. In dieser Phase kann sich das Hörsystem selbst regenerieren, und das Gehirn kann die fehlerhafte neuronale Aktivität korrigieren.

Bei einem chronischen Tinnitus, der länger als drei Monate andauert, ist eine vollständige Beseitigung des Geräusches (Heilung im Sinne von “Geräusch ist weg”) selten. Das therapeutische Ziel ist hier die sogenannte Kompensation. Das bedeutet, dass der Patient lernt, so gut mit dem Geräusch zu leben, dass es ihn im Alltag nicht mehr stört. Durch Therapien wie die Tinnitus-Retraining-Therapie kann das Gehirn lernen, das Geräusch aus der bewussten Wahrnehmung auszublenden. In diesem Sinne ist der Leidensdruck heilbar, auch wenn das Geräusch unterschwellig vorhanden bleibt. Eine Heilung der zugrundeliegenden Ursache, wie z.B. einer Schwerhörigkeit, ist oft nicht möglich, aber die Behandlung dieser Ursache (z.B. mit einem Hörgerät) kann den Tinnitus deutlich lindern.

Kann Tinnitus wieder verschwinden?

Ja, ein Tinnitus kann wieder verschwinden. Dies gilt insbesondere für den akuten Tinnitus. Viele Ohrgeräusche, die durch vorübergehende Faktoren wie Lärmbelastung, Stress oder einen Ohrenschmalzpfropf ausgelöst werden, klingen nach Wegfall der Ursache von selbst wieder ab. Auch bei einem Hörsturz kann der begleitende Tinnitus im Zuge der Heilung wieder verschwinden.

Bei einem chronischen Tinnitus ist ein vollständiges und dauerhaftes Verschwinden seltener, aber nicht unmöglich. Viel häufiger ist jedoch, dass der Tinnitus in seiner Intensität stark schwankt. Es gibt gute und schlechte Tage oder Phasen. Viele Patienten berichten, dass ihr Tinnitus über längere Phasen so leise ist, dass sie ihn kaum bemerken, und nur in bestimmten Situationen (z.B. bei Stress oder in völliger Stille) wieder präsenter wird. Das Ziel der Therapie ist es, die “guten” Phasen zu verlängern und die “schlechten” Phasen besser bewältigen zu können.

Wird Tinnitus mit der Zeit schlimmer?

Die Befürchtung, dass der Tinnitus unaufhaltsam lauter und schlimmer wird, ist weit verbreitet, aber in den meisten Fällen unbegründet. Ein chronischer Tinnitus bleibt in seiner objektiven, messbaren Lautstärke meist stabil. Was sich jedoch ändern kann, ist die subjektive Wahrnehmung und die damit verbundene Belastung.

In Phasen von erhöhtem Stress, bei Schlafmangel oder durch eine verstärkte Fokussierung auf das Geräusch kann der Tinnitus als lauter und störender empfunden werden. Umgekehrt kann er in Phasen der Entspannung und Ablenkung in den Hintergrund treten. Eine Verschlimmerung des Tinnitus kann jedoch auftreten, wenn sich eine zugrundeliegende Schwerhörigkeit weiter verschlechtert. In diesem Fall nimmt der Kontrast zwischen den von außen kommenden Hörreizen und dem internen Geräusch zu. Eine konsequente Behandlung der Schwerhörigkeit mit Hörgeräten kann einer solchen Verschlimmerung entgegenwirken.

Ist Tinnitus gefährlich?

Der Tinnitus selbst ist in den allermeisten Fällen nicht gefährlich im Sinne einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Er ist ein Symptom, kein eigenständiges Krankheitsbild. Gefährlich können jedoch die zugrundeliegenden Ursachen oder die Folgen des Tinnitus sein.

Ein plötzlich auftretender, einseitiger Tinnitus mit Hörverlust und muss umgehend ärztlich abgeklärt werden, um einen Hörsturz oder seltene, aber ernsthafte Erkrankungen wie einen Tumor am Hörnerv auszuschließen. Ein pulsierender Tinnitus kann auf eine Gefäßerkrankung hinweisen, die ebenfalls einer Abklärung bedarf.

Die eigentliche Gefahr eines chronischen Tinnitus liegt in seinen psychischen und sozialen Folgen. Ein starker Leidensdruck kann zu Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, sozialem Rückzug, Angststörungen und Depressionen führen, die die Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit erheblich beeinträchtigen können. Die Behandlung dieser Begleiterkrankungen ist daher ein wesentlicher Bestandteil der Tinnitus-Therapie.

Hilft Magnesium bei Tinnitus?

Die Idee, dass Magnesium bei Tinnitus helfen könnte, basiert auf der Annahme, dass es die Nervenzellen im Innenohr schützen und die Durchblutung verbessern kann. Es gibt einige kleine Studien, die einen positiven Effekt von Magnesium, insbesondere nach Lärmschädigungen, andeuten. Die wissenschaftliche Evidenz ist jedoch insgesamt sehr schwach und widersprüchlich.
Die aktuellen medizinischen Leitlinien in Deutschland empfehlen die Einnahme von Magnesium oder anderen Nahrungsergänzungsmitteln wie Ginkgo oder Zink zur Behandlung von Tinnitus nicht, da ein klarer Wirksamkeitsnachweis fehlt. Zwar ist die Einnahme von Magnesium in der Regel unbedenklich, es sollte jedoch nicht als Ersatz für eine fundierte ärztliche Diagnostik und eine bewährte Therapie angesehen werden. Wenn Sie eine Behandlung mit Nahrungsergänzungsmitteln in Erwägung ziehen, sollten Sie dies unbedingt mit Ihrem behandelnden Arzt besprechen.

Warum ist Tinnitus nachts stärker?

Viele Betroffene berichten, dass ihr Tinnitus abends im Bett oder nachts beim Aufwachen am lautesten und störendsten ist. Dieses Phänomen hat eine einfache Erklärung: die fehlende akustische Ablenkung. Tagsüber ist unser Gehirn mit der Verarbeitung einer Vielzahl von Umgebungsgeräuschen beschäftigt – Gespräche, Verkehrslärm, Musik, Arbeitsgeräusche.

Diese externen Geräusche überdecken den Tinnitus oder lenken zumindest die Aufmerksamkeit davon ab. In der Stille des Schlafzimmers fehlen diese konkurrierenden Reize. Das Gehirn hat nichts anderes “zu tun”, als sich auf das interne Geräusch zu konzentrieren, wodurch dieses subjektiv lauter und präsenter erscheint. Dieser Effekt wird als psychoakustisches Phänomen bezeichnet.

Er ist auch der Grund, warum die Geräuschtherapie ein zentraler Baustein der Tinnitus-Behandlung ist. Ein leises, angenehmes Geräusch im Schlafzimmer, z.B. von einem Zimmerbrunnen, einem Ventilator oder einem speziellen Tinnitus-Noiser, kann dem Gehirn eine Alternative bieten und das Einschlafen erleichtern. Wichtig ist, dass das Geräusch leiser ist als der Tinnitus, damit das Gehirn lernt, beide Signale als unwichtig einzustufen.

Fazit: Den richtigen Umgang mit Tinnitus finden

Ein Tinnitus ist ein vielschichtiges und oft belastendes Symptom, aber er ist kein unabwendbares Schicksal. Die moderne Medizin hat in den letzten Jahren große Fortschritte im Verständnis und in der Behandlung von Ohrgeräuschen gemacht. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass der Schlüssel zur Linderung nicht allein in der Beseitigung des Geräusches liegt, sondern im Erlernen eines neuen Umgangs mit ihm.
Eine umfassende Analyse der Tinnitus Ursachen und Symptome bildet die Grundlage für eine maßgeschneiderte Therapie. Es geht darum, den Teufelskreis aus Wahrnehmung, negativer Bewertung und Stress zu durchbrechen und dem Gehirn beizubringen, das Geräusch als unwichtig zu ignorieren. Auch wenn es keine universelle Wunderpille gegen Tinnitus gibt, so existiert doch ein breites Spektrum an wirksamen, wissenschaftlich fundierten Behandlungsmethoden – von der Hörgeräteversorgung über die Tinnitus-Retraining-Therapie bis hin zu psychologischen Bewältigungsstrategien.

Der erste und entscheidende Schritt auf diesem Weg ist jedoch immer die fundierte Diagnostik durch einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Nur so können behandelbare Ursachen identifiziert und ernsthafte Erkrankungen ausgeschlossen werden. Wenn Sie von Tinnitus betroffen sind, zögern Sie nicht, professionelle Hilfe zu suchen. Sie können lernen, wieder die Stille zu genießen, auch wenn das Geräusch noch da ist. 

Autor

Robert Eberhard

Robert Eberhard

Redaktion: Robert Eberhard ist Betreiber von halsnasenohrenarzt.com. Das Portal bereitet medizinische Themen aus der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde strukturiert und verständlich auf.

Weiterführende Informationen

Deutsche Tinnitus-Liga e.V.:
AWMF-Leitlinie Chronischer Tinnitus: